Mädchenwandern früher

Frauen im Kaiserreich

mdchenwandern 3„Für Mädchen verboten“ lautet der Titel eines bekannten Jugendbuches über unsere Vorgängerinnen vor über hundert Jahren. Heutzutage ist kaum mehr etwas für Mädchen verboten: Wir können Fußball spielen, Schornsteinfegerin oder Ärztin werden und alleine die Welt erkunden. Waren die Möglichkeiten damals schon für Jungen eingeschränkt, so stellte sich die Welt der Mädchen und Frauen als äußerst begrenzt dar. Wie hat man sich ihr Leben nun vorzustellen?

Während von den Söhnen ein höher Schulabschluss erwartet wurde, gab es für die Mädchen erst seit den 1890er Jahren überhaupt die Möglichkeit Abitur zu machen – und das auch nur, wenn sie das Glück hatten, wohlhabende und moderne Eltern zu haben, die ihnen den Besuch eines der wenigen Mädchengymnasien gestatteten. Das Abitur öffnete der jungen Dame dann zwar die Tore zur Universität, aber studieren durfte sie dort nicht, nur Vorlesungen besuchen. Ihre bloße Anwesenheit im Hörsaal genügte, um, nach Meinung der Professoren, die Sitte und die Moral zu gefährden. Die Frau sei ohnehin der weniger werte Teil des Menschengeschlechtes.

Die bürgerliche Gesellschaft glaubte, dass Bildung das Weibliche im Weibe verderbe und die Heiratschansen mindere. Verheiratung aber war das Ziel, dem alles andere im Leben des jungen Mädchens unterzuordnen war. Ihnen sollte jenes Verhalten anerzogen werden, das eine möglichst frühe und materiell gut abgesicherte Heirat ermöglichte. Anmutig, zurückhaltend und unauffällig sollten sie sein. Die Mama war bei allen Unternehmungen der Tochter dabei und sprach ein entscheidendes Wort, wenn es um den Zukünftigen ging. Die große Liebe war nicht gefragt, gegenseitige Achtung genügte zumeist.

Die Entstehung des Wandervogels

mdchenwandern 2Um das Phänomen Wandervogel nun verstehen zu können, muss man zurückschauen in diese Zeit, in die Zeit  seiner Entstehung, die Zeit der Jahrtausendwende vor über hundert Jahren. Deutschland war als Staat gerade 25 Jahre alt, das einst reformerische Preußen in einem wilhelminischen Kaiserstaat aufgegangen. Auf der einen Seite waren die Arbeiter, Sklaven der Industriegesellschaft in einer für uns heute unvorstellbaren Armut, auf der anderen Seite eine satte Bürgergesellschaft, die sich in ihren Formen starr und unbeweglich, in Stehkragen und Uniform zwingen ließ und den Blick durch Nickelbrille und Monokel zu schärfen suchte. Mädchen und Frauen übten sich in Passivität. Die Konventionen ließen es nicht zu, dass Initiativen, welcher Art auch immer, von Mädchen ausgingen.

In dieser Zeit las man in den Schulen die Literatur der Romantik, die mit ihren Charakteren und Naturbeschreibungen im krassen Gegensatz zur Großstadt- und Industriegesellschaft stand. Dies weckte bei vielen Jugendlichen die Sehnsucht nach dem echten Naturerlebnis und Abenteuer.

Der unstete Geist des „Taugenichts“ war es wohl, der um 1896 einen Schülerkreis in Berlin-Steglitz motivierte, einen kleinen Geheimbund zu gründen, den sie Wandervogel nannten. 1901 gründeten Karl Fischer und seine „Scholaren“ den ersten Jugendverband, den es in Deutschland überhaupt gab und nannten ihn offiziell „Ausschuss für Schülerfahrten“. Der lyrische Begriff Wandervogel blieb aber bestehen.

Man suchte das Abenteuer, das echte Erlebnis, wollte sehen, wie Landstreicher und Bauern lebten und dachten und erteilte der spießbürgerlichen Enge der wilhelminischen Gesellschaft eine Absage und lernte über den Tellerrand hinaus zu blicken.
Zum Entsetzen vieler Erwachsener zog man, nur mit kurzer Hose und Hemd bekleidet , wandernd hinaus in Wald und Feld, erkundete die Heimat, schlief abends beim Bauern im Stroh oder unterm Sternenzelt und kochte auf dem Spirituskocher oder am Feuer ab. Das fast vergessen alte Volkslied wurde wiederbelebt und auf den Fahrten durch Deutschland wurden die alten Lieder wiederentdeckt und gesammelt. Die erste Volksliedersammlung, der „Zupfgeigenhansel“ entstand.
Revolutionsartig verbreitete sich die „Idee“ in ganz Deutschland. So entstand die „Deutsche Jugendbewegung“ durch Jugend selbst.

 

Die ersten Wandervogelmädchen

mdchenwandern 1Die Mädchen, geschnürt ins Korsett und durch passive Verhaltensregeln auf ewig zum lebenden Objekt verdammt, mussten weitaus mehr als nur Abenteuerlust und Mut mit sich bringen, wenn sie in diese lockende Wandervogelwelt eindringen wollten. Sie mussten mindestens aus einem liberalen Elternhaus stammen, um die Erlaubnis zu dieser außergewöhnlichen Betätigung, dem Wandern (ohne Erwachsene!), zu bekommen.

Und so waren es vornehmlich die Schwestern der ersten Wandervogeljungen, deren Eltern schon gewöhnt waren an den seltsamen Aufzug ihrer Söhne und offen für die Freiheitsbestrebungen ihrer Töchter.

Angesteckt von den Erzählungen der heimkehrenden Wanderer fragten sie, ob man sie mal mitnehmen könne auf eine „Fahrt“. Doch die Herren verneinten strikt. So gründete sich, allen Widerständen zum Trotz, im Jahre 1905 in Steglitz der Bund der Wanderschwestern. Als die ersten Wandervogelmädchen allein, ohne männlichen Schutz durch die Dörfer in den Wald wanderten, entsprachen sie gewiss nicht der Norm. Sie trugen seltsame Kleider, manch einer empfand die sogenannten Reformkleider ohne ein hochgeschlossenes, geschnürtes Mieder und dann noch statt bodenlang nur bis zum Knöchel, anrüchig und wenig sittsam. Diese Mädchen hatten oft mit schlimmen Sanktionen zu rechnen.

Jedoch war damit die Entwicklung des Mädchenwanderns ins Rollen gebracht. Nach diesem Vorbild entstanden bald überall in Deutschland Mädchenwandervogelgruppen. Für die Mädchen bedeutete der Zugang zum Wandervogel aber immer auch ein Schritt in Richtung Gleichstellung, Unabhängigkeit und Befreiung.

Unser Bund knüpft an die Tradition des Wandervogel an und will in dieser als Mädchenwandervogel bestehen. Doch wollen wir nicht unsere „Vorfahren“ kopieren, sondern auf deren Erfahrung aufbauen. Wir legen Wert darauf ein reiner Mädchenbund zu sein und wollen dies auch bleiben. Dies ist nicht Ausdruck einer Missachtung dem anderen Geschlecht gegenüber und auch nicht Ausdruck einer emanzipatorischen Kampfhaltung. Stattdessen sind wir davon überzeugt, dass es in unser überwiegend koedukativ ausgerichteten Gesellschaft wichtig ist, Freiräume zu schaffen, in denen sich vor allem junge Mädchen unabhängig und ohne die typisch geschlechtsspezifischen Kompromisse bewegen können.