Kirgisistan

Fröhlich tippeln wir durch die kirgisische Hitze die lange, staubige Dorfstraße in Yeti Oguz entlang. Endlich sind wir komplett, denn vor ein paar Tagen haben wir Sigrid in Karakol getroffen, die alleine über die Türkei nach Kirgistan gekommen ist und, ebenso wie wir, schon einiges hinter sich hat. Nun geht es wieder in die hohen Berge des Tian Shan-Gebirges.

kirgisien 3Ein Stück bis zum nächsten Dorf, an dem unser eigentlicher Einstieg beginnt, wollen wir trampen. Wir haben Glück und schon nach einigen Minuten hält ein Auto mit einem offenen Anhänger an. Ein schlitzäugiger Kirgise, der mit seiner kurzen Hose und seiner knallorangen Baseballmütze wie ein Mallorcaurlauber aussieht, steigt aus und begrüßt uns freundlich. Er spricht sogar etwas deutsch, da er seine Militärausbildung in der ehemaligen DDR absolviert hat. Wir klettern auf seinen Anhänger und los geht die Fahrt durch Yeti Oguz, vorbei an kleinen Jungen auf ihren Pferden, urigen Omas und Opas vor ihren kleinen Lehmhütten und protzigen kommunistischen Denkmalen aus Sowjetzeiten.

Der Kirgise fährt weiter als abgemacht, da die Richtung aber stimmt, bleiben wir sitzen, lassen uns den Fahrtwind weiter um die Nase wehen und genießen singend und lachend die immer holperiger werdende Fahrt. Yeti Oguz haben wir längst hinter uns gelassen und nun geht es über eine Schotterpiste in Richtung Berge.

An den „Sieben Bullen“ halten wir an. Es sind, wie der Name schon vermuten lässt, sieben große rote Felsen, die frei herumstehen. Zeit zum Schauen haben wir kaum, denn unser Fahrer steigt aus und schon sind wir umgeben von Kirgisen jeden Alters, die uns alle bewundernd beäugen. Anscheinend seine Familie, die wie aus dem Nichts dazugekommen ist. Nach ein paar Verhandlungen, die wir nicht verstehen, geht die Fahrt weiter. Jetzt aber mit Oma, Opa, Kindern, Enkeln, Tanten und Onkeln im Schlepptau. Wir fahren immer höher durch den Wald und es beginnt, junge Hunde zu regnen. Inzwischen patschnass lachen wir über uns selber und die abenteuerliche Fahrt, die uns immer wieder über klapprige Brücken, die teilweise nur aus zwei großen Baumstämmen bestehen, führt. Doch für die Kirgisen ist das hier alles selbstverständlich und wir können nur jedes Mal staunend feststellen, wie anders und unkompliziert hier doch alles ist.

Irgendwann halten wir an einer Fichtenschonung neben einem kleinen Bach an. Wir springen vom Anhänger und unser netter Fahrer lädt uns spontan zu seinem Familienfest ein. Deshalb also die vielen anderen Kirgisen. Wir folgen der Familie hinunter zu dem kleinen Bach.

Ruckzuck packt jeder mit an, um alles vorzubereiten. Was hier so genau passiert, wissen wir noch nicht, aber man macht uns klar, dass wir Feuerholz suchen sollen. Zur selben Zeit verwandelt sich die Wiese am Bach in einen kleinen Festplatz. Große bunte Decken werden unter den Fichten ausgebreitet und Oma und Opa sitzen dort wie die Könige im Nieselregen und warten auf ihr Festmahl. In Windeseile ist alles gedeckt mit Melonen, Brot, Salaten und Arrack, dem hiesigen Schnaps. Daneben dampft der Samowa.

Nun holt einer der Männer ein  lebendes Schaf aus seinem Kofferraum und führt es an einem Strick auf die Wiese. Ängstlich guckt es mit seinen großen Kulleraugen in den Trubel. Uns ist gleich klar, was als nächstes passieren wird. Wir sind erst ein wenig betreten, weil es für uns neu ist, ein Tier zu schlachten, und trauern um das arme Schaf. Greta, Sigrid und Lotte verdrücken sich unter dem Vorwand, die Gitarren zu stimmen, im Fichtengestrüpp. Lara und ich schließen uns zuerst an, dann packt uns aber doch die Neugier und wir gehen zurück um zuzuschauen. Dem Schaf wurde die Kehle der Länge nach aufgeschnitten und jetzt liegt es zuckend, mit zusammengebundenen Beinen auf dem Boden und blutet aus. Wir grübeln, ob es wohl sofort tot war.

Die Männer schneiden den Bauch des Schafes längs in der Mitte auf und ziehen ihm das Fell ab. Die Eingeweide werden ausgenommen und erstmal ausgewaschen. Wir helfen nun, die Därme im Bach auszuspülen und sie zu einer langen Wurst zu häkeln. Der Magen wird einfach umgestülpt und ausgekippt. Wir gucken uns alles genauestens an und versuchen, die einzelnen Innereien zu identifizieren. Nachdem alles ausgespült ist, kommen die Därme und Innereien in den einen, die Rippchen und Fleischstücke mit Zwiebeln und Kartoffeln in einen zweiten großen Topf aufs Feuer. Nichts wird verschwendet.

Nun geht es ans Essen. Oma und Opa sitzen immer noch wie die Könige am Kopf der festlich gedeckten Decke und bekommen selbstverständlich auch die besten Stücke. Wir sitzen ganz am Ende zusammen mit den Kindern, die schelmisch lachend wild auf unseren Gitarren rumklimpern.

Die Familie fordert uns zum Singen auf und schenkt uns vor Freude über die Lieder einen Arrack nach dem anderen aus. Endlich haben wir auch Gelegenheit, unsere Joghurt-Salzbällchen loszuwerden, die wir vor ein paar Tagen in heller Begeisterung auf dem Bazar gekauft hatten. Die Kinder freuen sich über die ekeligen Kugeln und wir darüber, endlich mal wieder was Richtiges essen zu können, – natürlich nicht ohne selbst noch ein bisschen von unserem restlichen Proviant beizusteuern.

Kurz, bevor die Dämmerung hereinbricht, bringt uns unser Kirgise mit seinem Auto noch ein Stück weiter hoch in den Wald zu einer großen Wiese auf der anderen Seite des Flusses. Freundlich verabschiedet er sich von uns und fährt zurück zu seiner Familie. In einem Wäldchen bauen wir unsere Kröten auf. Noch lange sitzen wir am Feuer, singen, freuen uns über den ereignisreichen Tag und fragen uns, was uns wohl morgen erwarten wird. Denn bisher verging hier kein Tag, ohne dass etwas Spektakuläres passiert ist.

Kaum zu glauben, dass wir vor drei Wochen noch alle in der Schule oder bei der Arbeit saßen und uns wie verrückt und mit tausend Vorstellungen im Kopf auf dieses ferne und fremde Land freuten. Nun waren wir endlich hier und genossen zusammen die vielen guten und manchmal recht anstrengenden aber spannenden Tage in Kirgistan, zwischen Jurten, hohen Bergen, rauchenden Samowaren und unglaublichen Kirgisen. Was noch alles passieren würde, konnte sich keine von uns vorstellen. Und wir hatten noch fast vier Wochen vor uns…

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