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Chile

7. März

20km/h. Dieses Limit wird von der Tachonadel des bolivianischen LKWs, der uns nach Putre mitnimmt, nicht überschritten. Wir befinden uns im äußersten Norden Chiles, ca. 100km vor der bolivianischen Grenze. Seit Stunden quält sich das Fahrzeug die staubigen Serpentinen hoch, die jeden Moment wegzurutschen drohen, da sie sich einen einzigen, riesigen Sandberg hinauf schlängeln. Jede Kurve gleicht einem U-Turn. So geht es von 800m auf 2000m Höhe. Der Straßenrand ohne Leitplanke, dafür aber gespickt von mahnenden Totenkreuzen und abgestürzten Containern.

Es ist trocken, heiß und staubig. Ein Blick in das zurückgelassene Tal kommt uns vor wie ein Blick in eine andere Welt. Das Valle de Lluta ist das ertragreichste Anbaugebiet im trockenen Norden Chiles. Tomaten, Weizen, Kartoffeln und Mais werden dort angebaut und versorgen den Großteil der Bewohner der I. Region. Grüne Felder, Flüsse, riesige Anbauflächen und Wälder liegen hinter uns. Nun sind wir umgeben von Sand und Staub, wo kein Leben möglich scheint.

Wir erreichen das Altiplano und werden vom „bolivianischen Winter“ empfangen. Es regnet in Strömen, die Straßen sind vom Wasser überspült und der Himmel ist so schwarz, dass man denkt die Apokalypse stehe bevor. So haben wir uns die trockenste Wüste der Welt nicht vorgestellt…

Weiter geht’s im Schneckentempo, vorbei an Kandelaberkakteen, Felsen und hin und wieder Autos im Straßengraben. Am Abend erreichen wir Putre, ein 2200 Seelendorf auf 3500m Höhe. Von hier aus soll in 2 Tagen unsere Bergbesteigung auf 5025m beginnen. Bei einer aymarischen Familie dürfen wir übernachten, da der bolivianische Winter ungnädig ist und weiterhin literweise Wasser vom Himmel lässt.

 

8. März

Internationaler Tag der Frau. Im ganzen Dorf ist der Teufel los, da am Nachmittag ein großes Fest stattfinden soll. Das Ereignis lassen wir uns nicht entgehen, da wir uns ohnehin noch akklimatisieren müssen, um höher in die Berge zu steigen. Beim Fest für die Frauen bekommt jede einen Anstecker aus Seide mit kitschigen Rüschen. Im Festzelt gibt es traditionelle Folkloremusik und Gewinnspiele (der Hauptpreis ist eine Waschmaschine). Nach dem gemeinsamen Tanzen werden Tische für 300 Frauen aufgestellt und für jeden Gast wird Essen serviert. Zur Begleitung spielt eine  mexikanische Combo. Als die traditionell gekleideten Jungs und Männer vor uns stehen bleiben und uns zwei blonde Mädels schmachtend ansingen, fühlen wir uns wie wirkliche Gringos zwischen den vielen Einheimischen.

Leider bringt ein plötzlicher Platzregen das Zelt zum Einstürzen und damit ist die Feier vorbei. Wir kehren zurück zu der aymarischen Familie und übernachten dort eine weitere Nacht, um am nächsten Tag in die Berge aufzubrechen.

 

9. März

Wir schlagen uns den Weg übers Feld durch, da die Wege auf der Karte sehr ungenau eingezeichnet sind. Gegen Abend erreichen wir eine heiße Quelle auf 4100m, bei der wir baden und uns anschließend schlafen legen.

10. März

Am nächsten Morgen merken wir erst, wie hoch wir sind, denn die Höhe macht uns zu schaffen. Das Herzt rast und jede Bewegung ist anstrengend. Wir laufen los, doch der Weg ist sehr beschwerlich und wir sind langsam. Wir folgen dem Rat der Chilenen und kauen Kokablätter, um sich besser an die Höhe zu gewöhnen. Der Weg folgt einem Bachlauf durch ein Tal. Mit vielen Pausen geht es langsam immer weiter. Das Herz schlägt immer stärker und höher und das Tal scheint endloslang zu sein.

Am Horizont erscheint zwischen den Bergen der Gipfel. „Es geht ja doch schneller, als ich dachte!“, sage ich und zeige in die Richtung. „Super! Dann sind wir ja gleich da“, antwortet Annika. Mit neuer Motivation geht es weiter.

Aber: Falsch gedacht! Der Gipfel stellt sich als 4500m Berg hinaus und es ist noch viel weiter als wir denken. Wir folgen den Steinmännchen, die uns den Weg weisen und als von ihnen keine mehr zu sehen sind, dem Bachlauf. Plötzlich zieht sich der Himmel zu und wir sehen gerade noch den wirklichen Gipfel. Dann versperren Nebel und Wolken die Sicht. Da es nun doch noch ein sehr weiter Weg ist und wir uns weiter akklimatisieren müssen, bauen wir unser Zelt auf und laufen erst am nächsten Tag weiter.

 

11. März

Die Sonne scheint. Es ist der erste Tag ohne Wolken und mit blauem Himmel. Und was für ein blauer Himmel! Die Luft ist so klar, dass das Blau viel intensiver ist, als es in Europa je sein könnte. Nun können wir auch die Farben der Berge richtig wahrnehmen: die verschiedensten Gelb-, Rot-, Ocker- und Brauntöne, zwischendurch auch Grau und Grün. Es ist von allem etwas dabei. Weiter am Flussbett entlang laufen wir an Eiszapfen, die im Morgenlicht schmelzen, vorbei. Die aufgehende Sonne verdrängt die Eiseskälte im Nu und rasch wird es unerträglich heiß. In der Ferne sieht man immer mehr schneebedeckte Vulkangipfel, die weit in den Himmel ragen. Immer wieder erwarten uns neugierige Vicunas, die uns neugierig beobachten.

Der Weg ist mühsam und es geht nur langsam voran, obwohl der Weg nicht steil ist. In diesen Höhen ist aber jede kleinste Bewegung anstrengend und so geht es Stück für Stück gen Gipfel. Gegen Mittag erreichen wir den Fuß den Gipfels: von der Hochebene ragt ein steiler, kegelförmiger Sandberg empor. Die letzten 250 Höhenmeter. Wir lassen unser Gepäck stehen und machen uns an den Aufstieg. Es gibt keinen Weg, aber nur eine Richtung: nach oben!

Voller Motivation sprinten wir die ersten Meter, doch schnell wird uns wieder klar, dass wir gar nicht so schnell können, wie wir wollen. Sofort geht uns die Puste aus und wir fallen wieder ins Schneckentempo zurück. „10 Schritte geh’n, 10 Sekunden steh’n“ ist unser Motto, das uns den Berg hinauftreibt. Zum Gipfel hin wird es immer steiler, doch bald erreichen wir eine Felswand, über die wir nur noch hinüber klettern müssen.

Und plötzlich sind wir oben. „Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen!“, „Handschlag, ein Lächeln, Mühen vergessen“ So sehr wie in diesem Augenblick, habe ich diese Worte noch nie empfunden. Als wir oben stehen, bietet sich uns die schönste Aussicht. Ringsherum schneebedeckte Vulkane, blau-türkise Lagunen, bunte Berge und eine unglaubliche Weite. Wir können es kaum glauben und wirklich, all die Mühen und Anstrengungen, um hier her zu gelangen sind verflogen. Es zählt nur noch der Augenblick. Die Aussicht. Die Freiheit. Der Moment. 5025m. So hoch war ich zuvor noch nie gewesen.

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