Slowakei

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Chlieb? Naspanie? – Slowakische Begegnungen

Der zweite Morgen in der Slowakei auf dem Weg zu unserem vorläufigen Fahrtengebiet, dem „Národný park Poloniny“, ist angebrochen.

Ganz sind wir noch nicht in der Fahrtenroutine angekommen, aber voller Tatendrang laufen wir los, ein steiler Abstieg fordert uns. Entlang einer zweispurigen Straße laufen wir in der prallen Sonne durch ein wunderschönes Tal: die Sonne strahlt, der Himmel leuchtet klar und blau und von Laubbäumen überquellende Hügel – der slowakische Sommer grüßt uns.

Unser Weg führt uns zum Starina – ein Stausee, welcher einen wichtigen Trinkwasserspeicher für das umliegende Gebiet darstellt. Neben vielen Schwerlasttransportern, voll beladen mit Frischholz, fährt, nachdem wir von der Hauptstraße abgebogen sind, ein alter Mann in einem Auto an uns vorbei, hält an und ist rundum ein lustiger Anblick. Er ist gerade mal so groß, dass seine Nase knapp über das Lenkrad reicht! Aus seinem anhaltenden Kauderwelsch, als hätten wir ihn um Hilfe gebeten, können wir entnehmen, dass es noch 30 Kilometer bis zur slowakisch-polnischen Grenze sind.

Unser Weg lässt uns immer wieder Blicke auf die wunderschöne, tiefblaue Talsperre gewähren. Während einer kurzen Verschnaufpause begibt sich Ida zum See, um Ausschau nach einer Badestelle zu halten. Durch viel Gestrüpp bahnen wir uns tatsächlich kurz darauf einen Weg – und der See ist wahrhaftig schön! Wir stürzen uns ins Wasser. Der Seitenarm, in dem wir uns befinden, ist schnell durchschwommen, und wir erkunden eine kleine Landzunge, sowie den angrenzenden, lichten Birkenwald. Dann laben wir uns an der Sonne. Im Gras tummeln sich Wespenspinnen und Gottesanbeterinnen. Bald fangen wir an, Heuschrecken fürs Abendessen zu fangen. Das mag skurril klingen, ist aber, da könnt ihr uns glauben, total lecker und auch reich an Eiweißen!

Als es Abend wird, raffen wir alles zusammen und schlagen uns durchs Dickicht zurück und über die Straße. Noch immer fahren viele Holztransporter über die Straße, und wir möchten lieber nicht gesehen werden. Also stürzen wir uns auf der einen Seite aus dem Dickicht heraus, nachdem ein Lkw just an uns vorbeigefahren ist. Wir laufen über den Asphalt, auf der anderen Seite geht es einen kurzen Hang hinauf. Einem Actionfilm alle Ehre machend, sprinten wir in nur wenigen Sekunden diesen Hang hinauf, da sich schon der nächste Lkw ankündigt. Unter Gebüsch ducken wir uns, Ida wirft sich der Länge nach ins Gras. Wir können uns, nachdem der Lkw weg ist, vor Lachen nicht halten!  In einem großen, schönen Buchenwald mit Bach finden wir einen Schlafplatz. Eine Weile singen wir noch, nachdem das Essen inklusive Heuschrecken genüsslich verspeist wurde und gehen dann schlafen.

18.07

Im Halbschlaf vernehme ich ein Geräusch, welches in der morgendlichen Fahrtenkulisse nichts zu suchen hat, ich kann es nur noch nicht einordnen. Mit einem Schlag bin ich dann aber doch wach – ich höre mindestens zwei Menschen. Ich spähe durch den Wald – tatsächlich, unweit von uns laufen zwei Männer auf Pilzsuche durch den Wald. Der Schreck sitzt uns in den Gliedern, im Liegen ziehen wir uns schnell an, geduckt bauen wir die Lok ab, im Liegen packen wir querbeet unsere Rucksäcke. Wir wollen einfach nichts provozieren. Getäuscht durch die vorläufig größer werdende Entfernung, wägen wir uns in Sicherheit, sie aber laufen einen kleinen Bogen und bemerken uns dann. Sie bleiben aber von uns fern, wissen selbst nicht, wie sie mit diesem Zusammenstoß umgehen sollen. Unser Glück! So können wir doch noch in Ruhe frühstücken. Im Bach waschen wir uns, dann geht’s los.

Der Weg führt uns durch ein schattenloses Tal, die Sonne brütet mit ihrer vollen und wunderschönen Kraft auf uns herunter. Laufen, immer weiter, unser Blick auf die noch entfernten Berge gerichtet, schon in Ferne liegt der Stausee. Der Weg ist gesäumt von Betonkreuzen mit auf Weißblech bemalten Jesusfiguren und Gedenkschildern zu den Gefallenen der Weltkriege.

Gegen Mittag suchen wir uns in einem abgehenden Feldweg einen Platz für die Pause. Während wir eine Gurke verspeisen, kommt aus der Schneise, bei der wir nicht im Traum an einen befahrbaren Weg gedacht hätten, ein Auto, Marke Daihatsu Ferotsa, gebrettert. Es hält neben uns an. Ein altes Paar sitzt darin, und schaut uns mit einem Gesichtsausdruck an, als würden sie selbst noch nicht ganz wissen, welche Reaktion auf unsere Anwesenheit nun angebracht sei. Dann legt der Mann los, und das nicht allzu freundlich. „Nerozumiem“ können wir nur sagen – wir verstehen nicht! Die Frau kann ein bisschen Deutsch und versteht, woher wir kommen. Dann brausen sie davon.

Eine halbe Stunde später, wir lesen gerade in unserer Fahrtenlektüre, dem empfehlenswerten Buch „Die Richtstatt“ von Tschingis Aitmatow, da kommen sie zurück und halten erneut an. In Befürchtung auf ein erweitertes Donnerwetter stehen wir auf und sagen freundlich Hallo. Ein Mix aus nicht definierbaren Gesten, slowakisch und deutsch fliegt zwischen uns her. Aus all diesem bunten Treiben geht schließlich hervor, dass sie uns einladen, mit ihnen zu kommen, um bei ihnen zu schlafen! Das geht aber flott hier, denken wir uns! Das Mütterchen fuchtelt freundlich mit den Armen: „Ihr mitkommen – Naspanie.“ Noch sind wir nicht überzeugt, ein weiter Weg muss heute noch beschritten werden, die Berge rufen uns! Aber das Paar kennt kein Pardon, bietet uns Essen, Chlieb und Chai an. Bei so viel Offenheit können wir dann doch nicht Nein sagen!

Wir werfen die Rucksäcke auf den Anhänger und krabbeln ins löchrige und alte Auto. Ida will als Letzte einsteigen, realisiert dann aber, dass alle Plätze belegt sind. Und ehe sie sich versehen kann, sitzt sie auf dem Schoß der Frau. Und dann geht’s los. Gemeinsam brettern wir durch den sonnendurchfluteten Wald. Es braucht wenig Worte, zumal das Auto sehr laut ist, aber wir lachen gemeinsam, wenn wir durchgerüttelt werden. Ich fühle mich direkt wohl. Ida verharrt im Klimmzug am Autogriff, um die Frau zu entlasten, welche durchgehend gutmütig Idas Rücken tätschelt.

Dann hält das Auto an, wir steigen aus und laufen gemeinsam mit der Frau weiter. Der Mann beginnt, Steine vom Anhänger abzuladen. Wir könnten helfen, da er den ganzen, schlammigen Weg ausbessern will, aber wir sollen mitkommen. Das Mütterchen schreitet inbrünstig voran, erst jetzt habe ich Zeit, sie mir genauer anzuschauen. Sie trägt bei 30 Grad Gummistiefel, ein rosanes T-Shirt und eine beeindruckende dunkelgrüne Frottéhose! Jetzt erst stellen wir uns vor. Sie heißt Vera, der Mann Stefan.  Dann kommen wir am Haus der beiden an. Dieses besteht aus zwei aneinander gebauten länglichen Hüttchen, verkleidet mit Weißblech. Ein großer Garten ist das Prachtstück des Geländes. Meterhohe Bohnenranken, Kartoffeln, Paprika. Wir werden direkt ins Bad geführt und können uns erfrischen. Dann dürfen wir uns auf die Veranda setzten, welche ein an die Türe integriertes Gartenhäuschen ist, und überquillt von ausgestopften Tieren und Plastikefeu. Bald bekommen wir Tee und Brote, und dankbar beginnen wir zu essen. Da wir noch ein bisschen satt von unserem Mittagessen sind, essen wir nicht so viel, wie von uns erwartet wird und Vera ist besorgt um uns. Als sie dann sieht, wie sich Katharina wenig Margarine sowie Honig auf ihr Brot schmiert, wird sie laut und nimmt Katharina das Brot ab. Wir alle schauen verwundert dabei zu, wie sich die Menge der Margarine auf dem Brot verdoppelt und Katharina unter den strengen Augen der lieben Vera dieses dann isst. Demonstrativ führt uns Vera vor, wie das mit der Margarine zu handhaben ist – sie löffelt sich einen Teelöffel voll heraus und isst diesen genüsslich auf. Da können wir echt noch etwas lernen!

Als Vera noch mal fragt, ob wir bei ihnen schlafen wollen, willigen wir ein. Und schon kommt auch Stefan angetuckert, unsere Rucksäcke im Schlepptau. Unser Zelt löst Entrüstung aus, wir werden in einem knallgrün-orangenen Zimmer schlafen. Langsam merkt man, wer hier die (Frotté)Hosen anhat!

Wir bekommen die Fotos ihrer Familie, die Hochzeitsfotos der beiden, jung und frisch zu sehen. Ich bin berührt von der Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Leben mit uns teilen. Zufrieden setzen wir uns in den Schatten eines Haselnussstrauches und schreiben Fahrtentagebuch. Das Ehepaar, beide um die 70 Jahre alt, kann sich nicht vorstellen, dass wir glücklich sind

und bietet uns immer wieder Bier, Kaffee und Zigaretten an. Tja, diese Laster bleiben auch der tiefsten Slowakei nicht verwehrt!

Wir würden gerne im Garten helfen, oder am Haus, aber darüber wird nicht diskutiert – wir sind Gäste.

Als es anfängt zu regnen, setzten wir uns wieder auf die Veranda. Wir holen die Gitarren raus und beginnen, die slowakischen Lieder zu singen, die wir bis jetzt schon können. Nach weniger als der ersten Strophe lugt Vera um die Ecke, ihr Gesicht leuchtet auf und sie rennt nach drinnen. Gedämpft hört man: „Stefan, stefan, piesne slowenský.“ Gemeinsam kommen sie heraus, setzen sich schüchtern und begeistert zugleich an den Tisch. Als Angebot schieben wir einen Liedtext zu ihnen, und ehe wir es recht begreifen, singen wir alle zusammen die Lieder, die für die beiden bekannt sind, für uns noch ganz neu und in denen jeder von uns aufgeht. Es ist wunderschön und erfüllt mich mit einem tiefen Glück: die immer sicherer werdende Stimme von Vera, das Gebrumme von Stefan, die Gitarrentöne, die Luft in meiner Lunge. Nach einem Lied springt Vera auf und kommt kurz darauf mit einer Flasche Selbstgebranntem zurück. Es ist 16 Uhr… Gemeinsam trinken wir ein Gläschen. Wir stoßen auf unsere so zufällige und wundervolle Begegnung an.  Dann singen wir weiter.

Bald bekommen wir Abendessen, gebratene Paprikapfanne mit Brot. Früh gehen wir schlafen, Dankbarkeit und Glück in den Herzen.

19.07

Zum Frühstück bringt uns Stefan strahlend Tee. Flott packen wir unsere Rucksäcke und frühstücken dann. Nachdem wir gefrühstückt haben, merkt man, wie die Vorbereitungen für die nächste Mahlzeit schon anlaufen… ups! Wir stellen klar, dass wir bald weiter wollen, nach Ulica. Diese Info löst aber eine Welle des Protestes aus. Keine Frage, keine Widerrede. Dagegen kommen wir nicht an. Vera´s Plan steht, der da lautet: Wir gehen uns mit Stefan einen Berg anschauen, dann essen wir zu Mittag und danach bringt uns Stefan nach Ulica. Wir waschen also noch kurz unsere Haare, dann geht’s im Daihatsu los.

Stefan ist mit einer Militärhose, einem Tropenhütchen, einem grün-lila gestreiften Hemd, sowie Mückenspray gut für einen kleinen Spaziergang gewappnet! Wir brettern im frischen Morgenwind durch das Tal, und dann die Berge hinauf. Es ist so steil, die Wege von Regengüssen zerfressen, dass ich zwischenzeitig davon überzeugt bin, dass wir nach hinten hin umkippen werden. Aber wir kommen oben an, und nach einem kurzen Stück laufen sind wir oben und können sehr weit sehen! Sogar das Grundstück der beiden! Wir machen noch ein Foto gemeinsam; als Stefan sich auf dem Foto sieht, winkt er ab: „stary, stary“. Ja, er ist wirklich alt!

Bald fahren wir zurück. Vera, der gute Engel, hat uns eine kräftige Bohnensuppe gekocht. Noch während wir essen, vernehmen wir erneutes Brutzeln vom Kohleofen. Das entwickelt sich hier zu einer Orgie! Ja, und dann bekommt jede noch zwei Palatschinken mit Marmelade und Sahne. Wir platzen gleich.

Zügig machen wir uns daran, aufzubrechen, mittlerweile ist es 14 Uhr! Zum Abschied singen wir gemeinsam nochmals A od presova. Wir schenken ihnen noch einen kleinen Blumenstrauß, tauschen die Adressen noch schnell aus, und trennen uns dann schweren Herzens voneinander. Vera will uns gar nicht gehen lassen, küsst und herzt uns!

Wir können keine Worte für unsere Dankbarkeit ihnen gegenüber finden. Die Gastfreundschaft und Selbstverständlichkeit, mit der wir von den beiden Aufgenommen wurden, haben mich tief beeindruckt und werden mir für immer in Gedanken bleiben.

Lili

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