Afrikafahrt Frühjahr 2007
Namibia / Südwestafrika
vom Fish River Canyon bis zu den Epupa-Fällen

Was ist Fahrt? Wandern, romantische Lieder von Ferne und Abenteuer, Quartier unter freiem Himmel? Dies sind sicher wichtige Bestandteile der meisten Fahrten und darüber hinaus äußere Formen unserer inneren Haltung als Wandervögel, sie sind aber nicht die Essenz. Nein, ich denke Fahrt ist mehr. Fahrt bedeutet Neues entdecken, sich auf Fremdartiges einlassen. Fahrt bedeutet "Gefahren zu suchen, den Kampf zu bestehn". Auf Fahrt heißt es, eigene Grenzen zu überwinden. Fahrt bedeutet Gemeinschaft. Eine Fahrt ist den Gegebenheiten des Landes anzupassen und nicht an eine fixe Form gebunden. Sie ist nicht Äußerlichkeit, sondern Innerlichkeit. Die Äußerlichkeit ist stets im Wandel, die Innerlichkeit wiederholt sich wieder und wieder und folgt einem festen Prinzip.



Dies wird besonders deutlich, wenn man in Länder fährt, die sich in ihrer gesellschaftlichen oder landschaftlichen Beschaffenheit von unseren heimischen Gebieten stark unterscheiden. Afrika im Allgemeinen und Namibia im Besonderen unterscheiden sich in beiderlei Hinsicht maßgeblich von Deutschland, von Europa. So passten auch Sigrid und ich die äußere Gestaltung unserer Fahrt nach Südwestafrika den dortigen Umständen an. Ein Land von solcher Weite und Vielfältigkeit ist unmöglich per pedes, mit Schweizer und Gitarre auf dem Rücken zu durchqueren. Schweizer und Gitarre reisten zwar mit, wir warfen sie jedoch auf die Rückbank unseres 4x4-Geländewagens. Die Füsse trugen uns selten selbst durch die Landschaft, sondern traten viele Stunden das Gaspedal. Nicht sie, sondern die breiten Räder des Wagens wühlten sich durch den tiefen Wüstensand und über steinige Wellblechstraßen. Und doch: diese Fahrt war die intensivste, die ich je gemacht habe!



Namibia bietet einen ungeheuren Schatz an unterschiedlichsten Eindrücken. Die Landschaft ändert sich täglich, ebenso die Gerüche und Geräusche. Wir durchstreifen das Land ausgehend von Windhoek, Hauptstadt und Landeszentrum zugleich. Die erste Etappe gilt dem trockenen und weitläufigen Süden. Einöde, wohin das Auge blickt, kaum ein Hügel, ab und zu ein einsamer Köcherbaum, plötzlich mitten auf die Ebene gepflanzt eine rote Düne. Die Pads sind ungnädig. Mit ihrem Wellblechprofil und den vielen spitzen Klippen fordern sie die Pnoes aufs Äußerste. In den ersten fünf Tagen haben wir bereits zwei Platten. Unsere täglichen Begleiter sind die Springböcke. Menschen und Autos begegnen wir kaum; häufig stundenlange Einsamkeit. Hinter uns stets eine lange Staubwolke. An der Grenze zu Südafrika erreichen wir über Serpentinen, die sich immer tiefer in die Berge winden, den Fish River Canyon.



Nun wenden wir uns der Küste und somit auch der Sandwüste zu, die uns ihre vielen Gesichter zeigt. Mal rot und rein, mal gelb und von grün-braunen Büscheln gespickt, mal grau und unwirklich wie eine verlassene Mondlandschaft. Das einzige, was uns daran erinnert, auf einem Kontinent der Erde zu sein, sind bisweilen die Strommasten, die sich quer über die sandige Landschaft ziehen. Sie, die Sandwüste, war einst unbarmherzige Grenze zwischen Meer und fruchtbarem Inland. Sie zu überwinden war ein menschlicher Kraftakt. Ein Faszinosum ist die Geisterstadt Kolmannskoppe, die erste Diamantenstadt. Sie steht nun leer und verweht mitten im Niemandsland, angrenzend an das Diamantensperrgebiet.



Über Kuiseb- und Naukluftpass fahren wir weiter über Swakopmund, Spitzkoppe und Brandberg in Richtung Angola. Diese Etappe wird uns an den Kunene und die dortigen Epupa-Fälle bringen. Bot der Süden noch ein recht hohes Maß an Komfort (Einkaufsmöglichkeiten, bewachte Parkplätze, fließend Wasser), so begeben wir uns jetzt in den wilden und ursprünglichen Teil des Landes. Opuwo ist die erste Stadt, in der wir keinen Weißen sehen. Der Supermarkt ist erst auf den zweiten Blick zu identifizieren und hat kaum mehr als Maismehl, Tabak, Salz, Zucker, zertretene Schuhe und Konserven im Sortiment. An der Kasse werden wir mißtrauisch beäugt. Man merkt uns unsere Unsicherheit an. Die Marktgebäude bestehen aus Baumstämmen und schwarzer Plastikfolie, die Tankstelle ist baufällig. Andere Gebäude, auf dessen Frontwand noch die Namen von Bars und Shops zu erkennen sind, sind eingestürzt. Dazwischen abwechselnd Betonhäuschen und Blechbuden. Überall wimmeln Menschen, staubt die Luft, dröhnen die Geländewagen wie Turbinen.



Es folgen nicht enden wollende Straßen über rote Erde, gesäumt von frischgrünem Buschwerk und spitzen Termitenhügeln. Immer wieder blockieren Donkies und Rinder die Pad, so dass wir halten müssen. Ab und zu rennt ein halbnackter Himbamann den Straßenrand entlang, Kinder strecken ihre Hände nach uns aus und rothäutige, barbusige Frauen tragen mit trottendem Schritt Lasten auf ihren Köpfen zu den Dörfern. Die Dörfer selbst sehen wir selten; sie sind gut versteckt. Einige hundert Kilometer vor Epupa beginnt es zu regnen. Wir arbeiten uns Stunde um Stunde mit dem Wagen angestrengt durch Wasserlöcher und Matsch, über steile Anhöhen und durch Täler. Eine Quälerei! Doch am Abend werden wir mit einem leuchtend roten Sonnenuntergang über der reißenden Strömung des Kunene belohnt. Gegenüber recken sich wie eine mahnende Grenze die dunkelgrünen Berge Angolas in die Dämmerung.



Die letzte Route führt uns über die Etoshapfanne zur Ameibwüste im Erongogebirge und findet ihren Abschluss mit befreundeten Wandervögeln im Gebiet Wüstenquell, wo wir uns einige Tage lang mit drei Wagen unter anderem durch trockene Riviere wühlen, umgeben von Tieren, Stille und Weite. Dank der Freunde sehen wir die Blutkuppe, den einzigen Monoliten des Landes, Walwitschia, den "Dinosaurier" in der Pflanzenwelt, und schwefelige Wasserkolke, schlafen im Wüstensand zwischen Skorpionen und Zebraherden. Eine unvergessliche Zeit und für uns ein Land, mit dem wir noch nicht fertig sind. Im Südwesterlied heißt es: "Und hat unsere Sonne ins Herz Dir gebrannt, so kannst Du nicht wieder gehen." Und genau so ist es. Eine Reise in eine Welt, für die es noch keine beschränkenden Vorstellungen im Kopf gibt, die es ohne Vorbehalte, ohne "So sollte es sein" zu entdecken und erleben heißt.





