92 km-Marsch von Berlin-Steglitz nach Wittenberg

Endlos lang zieht sich die Straße...

Zum ersten Mal hatte uns ein Freund vor unserer Norwegenfahrt von der 92 km-Wanderung von Berlin-Steglitz nach Wittenberg erzählt. Wir lasen in der "Blauen Blume" nach:

 

"Da war Bruno, des Wandervogels Edelster, der zuerst den kühnen Flug tat. Als der längste Tag des Jahres gekommen war, stand er früh mit der Sonne auf und zog sich frische Strümpfe an. Dann schmierte er sich 12 Butterbrote, zu deren Würzung er einen Kräuterkäs in die Tasche steckte, ergriff einen größeren Stock als gewöhnlich und trat auf die Straße hinaus, woselbst er ohne Umsehen gewaltig zu schreiten begann. Welcher Bürger von Steglitz, der den Davoneilenden staunend sah, ahnte die Größe der Tat, die genannter Bruno - und er war klein von Gestalt - noch denselbigen Tag mit seinen Füßen zu verüben gedachte? Und er regte die Schenkel mächtig, und an ihm vorüber wandelten die Städte der Menschen: Phillipstal und Saarmund (...); aber emsiger mußte er ein Bein vor das andere setzen, bis er auch die Höhen des Flämings hinter sich hatte. (...) Doch er rastete nicht, und siehe, noch standen die Türme von Wittenberg in goldenem Lichte, da stieß er seinen Stab ein auf die Mitte des Marktes und sah sich schnaufend nach dem Ratskeller um."

 

(Nachrichtenblatt Juni 1905, mitgeteilt von Franz Müller, Berlin Steglitz / Die Blaue Blume des Wandervogels)

 

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Wagemutig machten wir uns am letzten Oktober-Wochenende auf den Weg nach Steglitz, wo wir nach einem schönen Singeabend mit Wandervögeln aus Dahlem in einem Pfadfinderheim übernachteten. Am nächsten Morgen um 5 Uhr brachte uns Jelca zum Teltower Kanal, an dem unser Marsch seinen Anfang nahm. 

 

Da unsere Karten für die Stadtrandgebiete von Berlin nicht genau genug waren, fragten wir bei einem Bauernhof nach dem Weg. Der Stallknecht schickte uns mit einem "Hä, hä, lasst Euch bloß nicht weg fangen!" quer über ein umgepflügtes Feld - angeblich die Abkürzung zur Bundesstraße. Diese Fehlinformation kostete uns mindestens 5 km. Wenn der wüsste, dass wir noch gut 90 km vor uns hatten...

 

Es ist uns bestimmt, mit brennenden Füßen...

 

Nach einigen Stunden Wanderung stand auf den Autokennzeichen endlich nicht mehr Berlin, sondern Potsdam - ein erstes Erfolgserlebnis, auch wenn nach 30 km Asphaltweg die Füße bereits ordentlich brannten. Nach weiteren 20 km kam das zweite Erfolgserlebnis: Wittenberg war ausgeschildert! Das spornte an.

 

Unsere beiden Wanderkarten überschnitten sich nicht. Der Abstand dazwischen sollte nach Aussage eines vermeintlich Ortskundigen nicht mehr als 5 km betragen, doch wie wir bald herausfanden, waren es gut 18 km! Wir glaubten trotzdem fest daran, die Strecke noch zu schaffen.

 

Am Wegrand hatten wir viele Begegnungen, sowohl freundliche, wie eine Alte, die uns Äpfel schenkte und uns riet, doch besser per Anhalter zu fahren, als auch unfreundliche, wie Autofahrer, die uns "Schneller! Schneller!" oder "Zigeunerpack!" zuriefen.

 

Huldiges Herze und helfende Hand...

 

Nach 60 km wartete Jelca in Buchholz auf uns und verwöhnte uns mit Cappuccino, selbstgebackenen Muffins, Traubenzucker und Magnesiumtabletten gegen Muskelkater. Wir gönnten unseren wunden Füßen eine Stunde Pause und versorgten sie mit Blasenpflastern.

 

Von Michendorf an sind wir dem Fahrradweg entlang der B 2 gefolgt, da die Bundesstraße die einzige direkte Verbindung nach Wittenberg ist. Doch in Treuenbrietzen endete dieser Weg. Wir mussten jetzt im Dunkeln direkt an der Bundesstraße entlang laufen und bei jedem vorbeifahrenden Auto in den Straßengraben flüchten.

 

Langsam wurde die Zeit knapp. Wir hatten zugesagt bis 23:00 Uhr in unserem Quartier in Wittenberg zu sein; später würden wir nicht mehr hinein kommen. Jetzt war es bereits 20:00 Uhr und wir hatten noch 22 km bis nach Wittenberg vor uns.

 

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Bis Treuenbrietzen hatten wir noch 5 km in einer halben Stunde geschafft, nun waren es weit weniger. Das stolpernde Laufen durch den Straßengraben, die Dunkelheit, die kaputten Füße und die vom Affen wungescheuerten Hüften machten ein schnelles Vorankommen unmöglich.

  

Bald ist's geschafft...

 

Wir sahen ein, dass wir unser Quartier nicht mehr pünktlich erreichen würden und hatten die Wahl zwischen Trampen und einer kalten Nacht ohne Schlafsack im Straßengraben. So wurden wir nach 88 km von einem freundlichen Rentner nach Wittenberg gebracht.

 

Doch so schnell lassen wir uns nicht unterkriegen. Im Mai 2006, wenn die Tage länger sind, werden wir es noch einmal versuchen. Allerdings werden wir dann eine Route aussuchen, die auch wirklich 92 km lang  ist und nicht wie unsere 113 km...

 

20. Mai 2006 / II. Versuch

In diesem Jahr haben Annika und Gesa die 92 Kilometer von Berlin-Steglitz nach Wittenberg im Klotzmarsch innerhalb von 17 Stunden erfolgreich zurückgelegt!

 

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5. Mai 2007 / III. Versuch

In diesem Jahr starteten wir zu acht: Greta, Annika, Lara, Socke, Glenda, Sigrid, Alexander und Lotte. Es ging los um 3:30 Uhr in der Frühe.

 

Als einzige der achtköpfigen Mannschaft kam heuer Greta per pedes ans Ziel. Sie klotzte die Strecke bis zum Ortsschild Wittenberg innerhalb von siebzehneinhalb Stunden und hielt anschließend weitere eineinhalb Stunden Wegmarsch durch die Stadt bis zum Quartier durch.

 

Auch die anderen haben sich tapfer geschlagen. Eine ging nach etwa 40 Kilometern verloren, zwei warfen bei Kilometer 60 das Tuch, die übrigen hielten noch bis Kilometer 73 durch und schlugen, da die Nacht schon längst hereingebrochen war, ihr Lager im Wald an der Strecke nahe Dietersdorf auf.

 

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